Mehr als 80 Fundstücke im „Fundbüro für verlorene Seelen“ – ein Beitrag zur „offenen Gesellschaft“

Das Fundbüro für verlorene Seelen war geöffnet von 15.30 Uhr bis 17.30 Uhr. Büroleiterin war Gundula Schmidt von der Arbeitsstelle Inklusive Seelsorge der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR). Die Performance in der Kölner Trinitatiskirche war eine weitere Etappe des partizipatorischen Kunstprojektes „Erzähl mir von der Seele – schicke uns etwas von da, wo Du gerade bist“.

Initiiert wurde das Projekt von der Arbeitsstelle Inklusive Seelsorge der Evangelischen Kirche im Rheinland in Zusammenarbeit mit der Kölner Melanchthon-Akademie. Jede und jeder war aufgerufen, von dort, wo er sich gerade befand, ein Fundstück, ein Foto, ein Gedicht, ein Wort oder etwas anderes von sich einzusenden. „Über 80 Fundstücke sind bei uns eingetroffen“, berichtet Gundula Schmidt. „Und jedes berichtet anders von der Seele.“ Die Bandbreite war groß. Sie reichte von alten Wanderschuhen über Musik-Kassetten, alten Filmstreifen und einer kaputten Brille bis hin zu Panini-Fußballbildern und einem Kuscheltier.

Abteilungen für Seelenfundstücke, Seelenfragen und Seelenworte
Anhand dieser Fundstücke sollten die Teilnehmenden in der Trinitatiskirche Geschichten erzählen. „Jeder erzählt vom selben Fundstück anders“, sagte Gundula Schmidt zu Beginn. „Die Fundstücke werden im Fundbüro aufbewahrt, damit sie neu gefunden werden“, fuhr sie fort. Die „Finder“ waren zum Beispiel Mitglieder von „All inclusive“, einer Theatergruppe für Menschen mit und ohne Behinderungen, die in der Evangelischen Kirchengemeinde Köln-Klettenberg beheimatet ist.

Das Fundbüro in der Trinitatiskirche hatte drei Abteilungen. Da war zunächst die Abteilung für Seelenfundstücke. „Hier werden Dinge aufbewahrt, die andere Menschen von sich abgegeben haben, weil sie von der Seele erzählen“, erklärte Gundula Schmidt. Die Teilnehmenden waren gebeten, in die ausliegenden „Logbücher“ zu schreiben, was die Dinge ihnen „erzählten“. In der Abteilung für Seelenfragen konnten die Teilnehmenden Fragen zur und über die Seele finden: „Wo sind nachts Eure Seelen? Haben Sie schon einmal Ihre Seele verloren?“ Dazu erklärte Schmidt: „In der Regel sind wir es gewohnt, Fragen zu finden. Bei uns ist das anders.“ In der dritten Abteilung, der für Seelenworte, konnten Worte erfunden werden. Vorgegebene Beispiele waren „seelenschaukelgleich“, „himbeerseelensüß“ und „federschaukelgleich“.

„Wie wollen wir in Zukunft in Verschiedenheit zusammenleben?“
Bevor es dann losging, machte Gundula Schmidt deutlich: „Dieses Fundbüro ist kein Depot, sondern ein lebendiger Ort.“ Ein Mann „fand“ eine gehäkelte rote Rose. „Die erinnert mich daran, dass ich endlich eine Freundin gefunden habe“, erzählte er ohne Umschweife. „Das macht mich wirklich glücklich. Wir werden uns am 26. April 2019 verloben.“ „Wenn man anfängt zu erzählen, beschreibt man sich immer auch selbst“, erklärte Gundula Schmidt.

Die Veranstaltung in der Trinitatiskirche war Teil der Reihe „Offene Gesellschaft“ zur Frage „Wie wollen wir in Zukunft in Verschiedenheit zusammenleben?“. Gundula Schmidt verband die Themen offene Gesellschaft und Seele mit einer weiteren Frage: „Wie reden wir über die Seele in unserer Gesellschaft?“ Sie erklärte, jeder könne etwas zur offenen Gesellschaft beitragen. „Manche Fundstücke finden sich gegenseitig und fangen an, sich etwas zu erzählen“, sprach die Theologin etwa von unerwarteten Beziehungen.

Die Reihe „Offene Gesellschaft“ wird fortgesetzt
Unter den Fundstücken des Projektes war ein Stein aus einem Haus in Ruanda, das während des Genozids in dem afrikanischen Land zerstört worden war. Ein weiteres war ein Schriftstück aus dem schriftlichen Nachlass eines Menschen, der als Kind den Zweiten Weltkrieg erlebt hatte. Dazu Gundula Schmidt: „Plötzlich gehören diese Fundstücke zusammen.“ Die rote Rose inspirierte eine andere Teilnehmerin zu einer ganz anderen Geschichte: „Ich habe diese Rose auf einer Reise einer Frau abgekauft. Die war sehr klein und konnte nur häkeln. Sie saß in ihrem Schaufenster. Nur so konnte sie ihr Geld verdienen. Mein Sohn sagte, das sei doch nicht möglich. Für mich ist aber alles möglich.“

„Wie können wir das machen, Orte zu finden, an denen man erzählen kann?“, fragte Gundula Schmidt. „Vielleicht sind ja gerade die Kirchen sowieso Orte für verlorene Seelen.“ Dorothee Schaper von der Melanchthon-Akademie und Mit-Organisatorin der Veranstaltungsreihe, fasste zusammen: „Dass jeder seinen Platz in der offenen Gesellschaft findet, ist nicht leicht. Wir müssen das einüben. Vielleicht sind dafür zwei Stunden in einem Fundbüro für verlorene Seelen genau richtig.“

Weitere Termine der Reihe „Offene Gesellschaft“
Trinitatiskirche Köln, Filzengraben 4, 50676 Köln

Samstag, 8. September 2018, 15 bis 19 Uhr:
„Wir fordern Frieden! 100 Jahre engagierte Pazifistinnen“
Ein Nachmittag zu Geschlechtergerechtigkeit und 100 Jahre Frauenwahlrecht
Ev. Kirchenverband Köln und Region in Kooperation mit dem
Arbeitskreis Frauenfragen und den Frauenbeauftragten im EKV

Samstag, 6.Oktober 2018, 15 bis 19 Uhr:
„Regina und Ina“ – ein Gespräch zwischen Rabbinerin und Pfarrerin
Musikalische Lesung mit Natalia Verzhbovska (Rabbinerin)
und Dorothee Schaper (Pfarrerin)
Installation „Gehörgang“
Ev. Kirchenverband Köln und Region in Kooperation mit dem
Landesverband liberaler jüdischer Gemeinden NRW

Samstag, 8. Dezember 2018, 15 bis 19 Uhr:
Fundstücke einer offenen Gesellschaft
„Ein-Blick“ in das Gesamtprojekt: Wie wollen wir in Verschiedenheit in Zukunft zusammenleben?
Rück- und Ausblick am Anfang des Kirchenjahres
Mitwirkende: Chorprojekt Eichenoase, Theaterkompanie !All inklusive
Begegnungen und Diskussionen zum Abschluss
Ev. Kirchenverband Köln und Region

 

(Text: Rahmann, Foto: Keiner)